(Auto)biography

This is a transcription of Max Raphael's autobiography (which he himself titled a 'biography'), made by Patrick Healy and edited by Jules Schoonman. The original document is kept at the Deutsches Kunstarchiv of the Germanisches Nationalmuseum in Nürnberg, Germany. Scans of the original folios, kindly provided by the archives, have been added to the text. The transcription is a work in progress: transcriptions of new folios will be added and existing parts will be improved. Both the order and numbering of folios could be altered based on their content. Links to high resolution files have been added.

Folio 1

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Nürnberg, Germanisches Nationalmuseum, Deutsches Kunstarchiv, NL Raphael, Max, I,B-13 (0001)
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Die wissenschaftliche Aufgabe wäre zu finden:

  • I. Das leben des Individuums besteht aus wohlgegliederten Etappen, von denen jede einzelne eine besondere Aufgabe, Wesen, Ideal hat, von jeder anderen durch einen Pubertätsprung getrennt ist (so daß nicht jeder Sie als eine bloße biologische Funktion sie zurücklegen kann) und die [?] in einer gewissen Analogie zu den früheren verlauft.
  • II. Jede Etappe hat ihre Entwicklung d.h. Bildung und Auflösung wobei [?] die Auflösung der vorangehenden und die Bildung der nachfolgenden gleichzeitig sein, d.h. ineinander greifen können (vergl. B1 Mechanismus der Idealbildung).

Es sind 4 Etappen erkennbar:

  • A. Die gegebene (und zu erlernende, festzustellende) Welt (man orientiert sich, was da ist [...])
  • B. Die (nach einem bestimmten Prinzip) gesetzte und zu realisierende Welt (die Idee einer Welt mit der man sich aus der gegebenen Welt entfernt) aber indem man sie an der Idee müßt [?] und dadurch [...] lernt.
  • C. Die als Mannigfaltigkeit zugleich vorhandene und aufgegebene Welt, d.h. es kommt jetzt nicht mehr darauf an, das Ergebnis als da-seiend festzustellen, sondern als wie-seiend zu erkennen. Keine höhere Stufe von A!
  • D. Die Einheit dieser Mannigfaltigkeit [...] zu setzen, aber nicht als Idee, aber nicht als Plan, sondern als Synthese und System dieser Mannigfaltigkeit (eine höhere Stufe van B aufbauend auf C I [...] vergl. [...] D.

Man konnte sagen, daß:

  • A und C objektive, Empfängnis [?] = passive analytische Perioden sind
  • B und D subjektive -- aktive, spontane synthetische (distanzierende). Es ist dies gleich einem Rhythmus des Ein- und Ausatmen.

Es fragt sich:

  1. Wie sich ein solcher Ein- oder Ausatmen vollzieht, gliedert, ineinander umschlagt etc.?
  2. Wie lange jeder Zug dauert? (und wieviele Züge wir zur Verfolgung haben?)
  3. Gibt es Analogien nur zwischen den Einatmungen (A und C) resp. Ausatmungen (B und D) oder auch zwischen A und B, B und C etc.

Ad. 2:

  • A. 1889-1904/5
  • B. 1905-1918
  • C. 1919-1934
  • D. 1935-

Vergl. hierzu die etwas andere aber wohl schlechtere Einteilung unter C.

Interessant ist, daß jede Etappen (Perioden) ihre eigene Antithese in sich hat:

  • A. Als Kind, als die Welt auf mich eindrang, lebte ich Außerordentlich zurückgezogen (ich habe [...] Spiel genommen) ich spielte nie und lachte nie: Ich lernte. Ich rettete also mein Subjekt vor der Fülle der Objekte (vor ihrem Gewichts [?]) und bereitete (durch lernen) mein Gegengewicht vor.
  • B. Als Jüngling maß und distinguierte ich die Welt am Ideal (als zu realisierende), aber zugleich drang ich in sich ein, suchte ihre Wirklichkeit zu erobern (bis das Ideal Zusammenbrauch und die Wirklichkeit da stand) *
  • C. Ich [...] suchte als ganz dem Tag und der Stunde, der individuellen Einzelheit zu Lebenslauf [?], der [aber?] die Mannigfaltigkeit der Ereignisse fiel gleichsam in einen Abgrund (Skepsis, Mystik). Es zeigte sich am Ende, daß das (erst zu realisierende) Resultat die Geschichtlichkeit war. (Mannigfaltigkeit des Seins) (Axiomatik der Math. und Phys.)
  • D. Die Periode der Geschicklichkeit einte nur Vergangenheit mit Gegenwart, das sich die Aufgabe der Gegenwartsgestaltung (Krankheit -- Ennui) stellte. Handelt es sich hier wirklich [schon?] um eine Epoche der Synthese oder nur um die [...] Mannigfaltigkeit (im Gegensatz zu C als der täglichen und naturwissenschaftliche Mannigfaltigkeit Synthese [...]. (Mannigfaltigkeit am Werden) [...]

* In dieser Epoche gab es keine Gegenwart, sondern nur Drang in die Zukunft und ich wußte [nur] die Antizipation (des Erfolges in) der Zukunft nicht.

Folio 2

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Nürnberg, Germanisches Nationalmuseum, Deutsches Kunstarchiv, NL Raphael, Max, I,B-13 (0002)
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Biographie und Geschichte

  • Kindheit (1889-1905)
    • I. 1889-1896 (2 Schuljahr [...])
    • II. 1896-1903/04 ([Tiefstand?] in Untersekunda)
    • III. 1904 ff. Anfang des Aufstieges, Vorbereitung für B.

Vergl. Periodisierung [?] unter A.

Die Kindheit is die Epoche der ungeschiedenen Einheit.

Es folgen zwei Epochen der Antithetik:

  • Emiriesuchtige Idealität (1905-1918/20)
  • Idealsuchtige Empirie (1919-1938 | 1921-1938)

Es fragt sich, ob jetzt eine Epoche der Synthese folgt und zwar auf der [...], bisher unerreichbaren Ebene der Erkenntnis und der Geschichte (und der Sozialfunktion?) also der Totalität (neue Einheit).

Die 1. Antithetik: empiriesuchtige Idealität:
Ideal -- Individualismus
Auf dem Hintergrund des Naturerlebens.
(das Elementare und das Ideal)
Vergl. C Natur

  1. Das Auftreten der Thematik (1905-1908) Ideal -- Bildungskreis -- Gesellschaft Ich Natur - Kunst
  2. Die Realisierung in der modernen Kunst 1908-1913
  3. Die Realisierung in der Gesellschaft 1914-1918
  4. Die Auflösung des Ideal Ich bewußtseins 1919-1920

Die 2. Antithetik: idealsuchtige Empirie
Empirie - [...]
Auf dem Hintergrund der Stadt
Berlin - Paris
(die Analyse -- [...] Funktion - Synthese (totale)

  1. Das Auftreten der Thematik: Axiome -- Unterricht - Ehe - Naturwissenschaft 1921-1924
  2. Die Realisierung in der Gesellschaft (Unterricht 1928/29 | 1925/32)
  3. Die Realisierung in hochentw. Philosophie (1930/34)
  4. Die Auflösung der Erkenntnistheorie Geschichte

Die 3. Antithetik: die Geschichte (1935):

  1. Die Thematik (1935-1940) XII, XIX, XVII Jhdt
  2. Die Realisation: Vorgeschichte d. Moderne 1941-

Es waren in systematischen Hinweisen folg. Gebiete zu unterscheiden:

  • A. Die Ich-Situation
    • I. Die Bewußtseinshöhe (und -tiefe)
    • II. Der Umfang [?] der Weltbegehung
    • III. Die Lebensform (vergl. C Verhältnis zu Frauen)
  • B. Die Arbeit (Die Ich-Aktion)
  • C. Die Beziehungen zu Menschen
    • I. Die Beziehungen zu Frauen (Liebe)
    • II. Die zwischen-menschlichen Beziehungen (Freundschafts-Gesellschaft)
    • III. Die sozial-politische Beziehungen (und Beziehung zur Geschichte)
  • D. Die Beziehungen zu Natur

Folio 3

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Nürnberg, Germanisches Nationalmuseum, Deutsches Kunstarchiv, NL Raphael, Max, I,B-13 (0003)
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  • A. Kindheit (1889-1900/1902)
  • B. I Epoche (1900/2 -1918/20)
    • Ideal und Leidenschaft von der Idee zur Wirklichkeit
    • Zwischen [...] Intuition und Wirklichkeit (gegenwärtig) Kunst und Gesellschaft

  • 1. Etappe: die stille Vorbereitung (1900-1905)
    • a) Kampf des [...] und Vorbereitung (1900-1902)
    • b) Die erste Literatur (1903/1905) Goethe , Shakespeare, Puschkin.
  • 2. Etappe: die Intuitionen (Offenbarungen) (1905-1908)
    • a) Die Idee der Schönheit (Vollkommenheit) Aura
    • b) Die Idee der Gesellschaft (Rebellion) Arbeiten
    • c) Die Idee der Natur (in Bewegung)
    • d) Die Idee der Kunst [...]
  • 3. Etappe: der Entschluss [?] zum Selbstsein (1908-1910)
    • a) Die Wanderung durch den bayerischen Wald und Alpen (Süden)
    • b) Das Umsatteln nach Schwanken zwischen Natur und Geisteswissenschaft
    • c) Das Suchen der (philosophischen) Methode (Universität)
    • d) Das Suchen des Objektes (Reisen, Pechstein, Begegnung mit Cezanne [...] Franzosen in Düsseldorf.
  • 4. Etappe: die Auseinandersetzung und Gestaltung des mit dem Objekt (1911-1913)
    • a) Picasso und Cézanne (1911) I. Abs
    • b) Poussin und Philosophischen Studien.
    • c) Das I Buch: Schaffenstheorie und Epochen (Persönlichkeiten getrennt)
  • 4a. Auflösung und Vorbereitung (1913-1905)
    • d) Die Auflösung: Chantilly (die Depression) [...] (das [...] Daphnis und Chloe), Berlin (die Leere)
  • 5. Etappe: die Ansiedlung in der Natur und Geschichte (1914/1915)
    • a) Bodenau: See - Dorf - Ruine Hohenfels.
    • b) Die Vorahnung der Abschluß (Komödie) und (Tetralogie-Entwurf)
  • 6. Etappe: Das neue Objekt: Auseinandersetzung Krieg und Gesellschaft (1915/1917)
    • a) Als Soldat in Lorach
  • 7. Etappe: Die Gestaltung dieses neuen Objektes (1917/1918)
    • a) Kriegstagebücher
    • b) Ethos
  • 8. Etappe: Die Auflösung der ganzen Epoche (1919/20)
    • a) Noa-Noa
    • b) Husserl. Schuler. Augustinus: Auflösung aller Metaphysik.
    • c) Vorbereitung auf den Gedanken der Wissenschaft. Es ist ein doppeltes: die Sinnlichkeit und die Wissenschaft von gleich [...]

Man konnte nun so sagen:

  • 1 Etappe (oben 1-3a): Der Weg zum eigenen Selbst (1900/1908)
  • 2 Etappe (oben 3c-4c): Das 1. finden eines Stoffes (moderne Kunst) Auseinandersetzung und Gestaltung mit Hilfe einer (1) Methode und (2) Schaffenstheorie (1909/13)
  • Zwischenstufe (oben 4d-5): Auflösung des Alten und Vorahnen des Neuen mit Ansiedlung in der Landschaft (Bodensee) (1914/15)
  • 2a Etappe (oben 6-7): Das 2. Finden eines Stoffes (moderne Gesellschaft) Auseinandersetzung und Gestaltung. Zweite Fassung einer Schaffenstheorie (1915/1918)
  • Zugewiesenes [?] 2. Zwischenstufe (oben 8). Auflösung der ganzen Epoche: die Einheit in der Idee (Bewußtsein) wird zur individuellen Mannigfaltigkeit der Erscheinung in der Welt außerhalb des Bewußtseins (aber der physisch gegenartigen, sinnlich und somit Konstituierung [...] Basis (Welt [...]) (1919/1920)

Dan ist der Weg und die Realisierung des Weges ziemlich klar. Der Weg fuhrt vor einer Unbestimmtheit, die geschiedenen Einheit, [...] zum Bewußtsein des eigenen Selbst in der Idee einer Einheit und Vollkommenheit. Zu doppelten Realisierung dieser Einheitsidee d.h. an 2 Stoffen: der modernen (gegenwärtigen) Kunst und der anderen (gegenwärtigen, sinnlich-körperlich erlebbaren) Gesellschaft. Mit Schaffenstheorien (deren Unterschied nur vorläufig nicht klar ist). Zur Auflösung der Idee der Einheit des Bewußtsein in die (sinnlich erlebbare) Mannigfaltigkeit der Erscheinungen außerhalb des Bewußtseins.

Damit rundet sich der Weg, der (in einem [...] naiven Verhältnis zur Welt) von der Bewußtseins-Einheit-Idee-Vollkommenheit über deren doppelte Realisierung an Gegenwärtigem zur Auflösung und Entlassung in ein neues Weltverhältnis (Sinnliches Erleben) geführt hat.

Was sich hier besteht ist eine (empirische) Konzeption einer Schaffenstheorie und eine [...] Wirklichkeit [...]. Die beiden Pole wirken aufeinander: mit der analytischen Wirklichkeit ändert sich die Gestalt der Schaffenstheorie; mit der geänderte Schaffenstheorie ändert sich aber auch die Auffassung der Wirklichkeit (konkretere Analyse). In der nächsten Epoche steht sich dann sinnliches Erleben und Verstandesmäßiges Denken gegenüber [...] zu einer neuen (3.) Schaffenstheorie zu fuhren.

Es bleibt noch zu untersuchen, welchen Weg jede einzelne Etappe gemacht hat.

Folio 4

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Nürnberg, Germanisches Nationalmuseum, Deutsches Kunstarchiv, NL Raphael, Max, I,B-13 (0004)
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A. Jugend

Alle Einzelerinnerungen hangen mit Mutter zusammen und ihr Todestag war wohl das Ende der Kindheit (1900 [?]). Allerdings habe ich später noch sehr intensiv mit ihr gelebt: Sonntags Wanderungen zu ihrem Grab (1905/6). Umgekehrt war mir Vater immer fremd und Mutter war für mich nicht ein Glied der Familie sondern eine isolierte Person. Unsere Samstag Spaziergänge Arm in Arm. Sie wollte nie, daß ich studiere.

Einzelerinnerungen:

  • 1) Das nächtliche Feuer mit der [?]
  • 2) Der unter das Kuchen spiral gerollte Ball (in [...])
  • 3) Der erste Anzug
    • 3a) der Abend mit der Maskenverkleidung-unter Mutters Sehunze [?]
  • 4) Der Gang zur Schulanmeldung (4½ Jahre, vergl. 14)
  • 5) Der I Kuckkucksruf.
  • 6) Der Morgen als Sie uns den Tod des Schwester [?] mitteilte
  • 7) Sie soll sofort kommen, nicht gleich
    • 7a) Walter (Beschneidung) mit den vielen Gasten
  • 8) Die Trennung mit Onkel Benno (Mutter unglücklich)
  • 9) Der Weiße Wäscheschrank und das versteckte Perlmutt Portemonnaie
  • 10) Der Sonntagsspaziergang mit der Cousine aus Schneidemühl [?], weiß angezogen
  • 11) Das Nahen und Singen mit Jenny Cohn etc.
    • 11a) Frau Wollheim
  • 12) Die geduldige Krankheit
    • 12a) Der Todesmittag
  • 13) Das Murmelspielen und die große Spanne.
  • 14) In der I Klasse: die schonen Mädchen un der [...]. 1e Tag Verbindnis [?] mit Emma [...].
  • 15) Die Dekoration zu Bismarcks Todestag
  • 16) Das am Samstag geschlossene Geschäfte un das Warten auf die Kunden
  • 17) Die Gestalt des Rabbiner, Rektor St Aahnke [?] dann der neue [...] Rektor.

Periodisierung 1889-1908:

  • 1889-1896: Scharfer Einschnitt in Bewußtseinsgrad
  • 1896-1900 Mutter Tod.
  • 1900-1905: Gegen Vater bei Großeltern (1913 und 1918/20)
  • 1903/05: Beginn des Aufbaus eines neuen Lebens. Krach mit Onkel Max, Absage an Onkel Nathan. Nach 1905 verlassen die Großeltern
  • 1908: [...] Reduktion der Beziehungen zu Vater auf das Monatsgeld.

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Folio 5

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Nürnberg, Germanisches Nationalmuseum, Deutsches Kunstarchiv, NL Raphael, Max, I,B-13 (0005)
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Folio 6

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Nürnberg, Germanisches Nationalmuseum, Deutsches Kunstarchiv, NL Raphael, Max, I,B-13 (0006)
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Folio 7

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Nürnberg, Germanisches Nationalmuseum, Deutsches Kunstarchiv, NL Raphael, Max, I,B-13 (0007)
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Zur Charakteristik der 3 Etappen:

  • a) Zu jeder von ihnen gibt es je 2 Glieder: das eine ist positiv, das andere ist negativ.
  • b) Zu jeder Gruppe der positiven wie der negativen findet eine Entwicklung und Steigerung statt:
    • a) von der Idealsetzung (Selbstbestimmung) zur Idealisierung. Das erstere ist die Erfassung der eigenen Einheit, das letztere ist die (soweit wie möglich) totale (in Wirklichkeit partielle Realisierung. Dies ist kein Wegweiser in Innern, sondern ein Weg über die Welt: im wesentlichen der Kunst, der Natur, der Freuden ( u. nur in sehr geringen Maße des sozialen Lebens mit dem Kontrast zwischen der reichen Bourgeoisie (Burger) u. den.Arbeitern (Elend)
    • b) von den (unterdruckten) Enttäuschungen über die Einsamkeiten bis zum Beginn des Erfolges, der genauso wenig ernst genommen wird, wie die Enttäuschungen - aber das Gefühl der Grenze gewinnt eine große Macht als Bewußtsein der Sterilität, der Unfruchtbarkeit.
  • c) Es ist ein Wechsel von Verengung ( das Ich), Offensein für die Welt, Verengung (der Welt) für die Gestaltung , bis am Schluß die Große Masse des Umgestalteten ( die Geschichte , das Gefühl, das Leben) u. das Ungestaltbare (Unfruchtbarkeit) dasteht.
  • d) Am Übergang von der 1. zur 2. Etappe steht Lilly und die Erzahlung von der Natur u. der Wanderung zum Bodensee im Sturm. Es ist dies eine Positive Krisis der Weltaufschließung . Am Übergang von der 2. zur 3. Etappe steht die Unzufriedenheit mit dem 1. Ms, der Krach mit Burgers, die-Erkenntnis der Grenzen von Pechsteins Kunst, das Ahnen, dass meine Kunsttheorie noch kein Fundament hat: die Rettung durch Poussin als einer willigen Verzweiflung.
  • e) Die Etappen sind ungleich lang: der Weg durch die Welt ist der längste.
  • f) Die Selbstbestimmung erfolgt, bevor die Welt erkannt ist: durch einen Akt der Intuition (Begegnung mit Anka u. den Arbeitern). Der Gang durch die Realität erfolgt zwar unter der Führung des Ideals als in großer Breite und Unvoreingenommenheit. Dann kommt die Große u.

Zum Mechanismus der Idealbildung (Anka, Noa-Noa, Emmi):

  • A. Ein innerer Zustand, den man realisieren will (u. der ungeheure Anstrengungen kostet) wird nach außen in einen Menschen als ( ihn besitzenden u. darum anschaulichen) Träger projiziert: das Streben nach Vollkommenheit (Absolu nach Mannigfaltigkeit des Lebens , nach Synthese.
  • B. Mit dieser Idealfunktion vermischt sich die Funktion u. dies führt zu einem doppeltem Leben: einem real-sexuellen und einem ideal Vorstellungsmäßigen. Die Frau entspricht weder dem einen noch dem anderen.
  • C. Es kommt zu einem langen Auseinandersetzung prozeß zwischen dem Leben (Wirklichkeit) u. dem Ideal. Dieser Kampf hat mehrere Ströme, die z.T. gleichzeitig verlaufen:
    • I er führt von dem Prinzip des Ideals zur(teilweisen) Realisierung desselben
    • II. er löst die Enge der Einstellung zum Ideal auf, indem er neue Mannigfaltigkeiten einführt, die nicht unter das Ideal fallen.
    • III. er verwandelt das Leben mit dem Ideal ( der konkreten Realisierungsform) in einen (dumpfen) Kompromiß.
    • IV. Keine der Funktionen der das Ideal verkörpernden Person ist, das Ideal: zu toten: Der Kampf ist , ob Projektionsperson das Ideal oder das Ideal oder das Ideal die Projektionsperson tötet.

Die Vermengung der Ideal- u. der Sexualfunktion wird vom Leben aufgezwungen; sie die Einheit der Person aber auch die Größe des Konfliktes. Es ist begreiflich, daß auch die Frauen verlieren und entziehe n, denn der Ideal- und Sexualfunktion füllt ihr eigentliches Leben: Kinderzeugen und Familie aus.

Folio 8 Recto

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Nürnberg, Germanisches Nationalmuseum, Deutsches Kunstarchiv, NL Raphael, Max, I,B-13 (0008a)
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  • 1914 Entschluss nach (sie) Bodensee zu gehen und neues Leben zu beginnen. Auseinandersetzung mit der Natur (Geologie, Botanik, Biologie) Niederschrift der Komödie: Befreiung von der Vergangenheit. Konzeption der Trilogie: Voraussicht der eigenen Zukunft und Eindringen in die mittelalterliche Geschichte. Bertha - das erste Bodenmädchen, das mich liebt. Lilly. Elsa und später Anka: wie Gespenstern der Vergangenheit
  • 1915 Beschäftigung mit Geschichte und Literatur (Shakespeare) Niederschrift der Trilogie -- Fridas Tod. Heiratsvorschlag an Anka. Rekrut - Lörrach, [...] nach Bodensee. Riotte. Innerer Kampf gegen den Militarismus als gegen Selbstbestimmung. Besuch der Schokoladenfabrik
  • 1916 Irrung u. der Fanatismus des reinen Geistes Der intrigante Romanismus Studium über das Wesen der Gesellschaft Die schöne Ruth u. Krach mit den Klassenbringers (der letzte Schatten des ‘Ideals’) Die sexuelle Frau R. Einbruch der Vitalität mit elementarer Kraft. Entschluss zur Flucht
  • 1917 Ersatzbatallion Freiburg Trennung von Ruth. Versetzung an die Grenze. Flucht. [...] Kriegstagebuch -- Bruch mit Anka Begegnung mit Baumanns. Bewußt zurück gedrängt er Eindruck von Noa-Noa
  • 1918 Die sittlichen Grundlagen des Völkerrechts. Erkenntnis der Grenzen. Entschluß nicht nach D. Zurück zukehren nach der Revolution. Weyels, deFiori, Haler, Schenk
  • 1919 Liebe zu Noa-Noa daneben die blonde Zigeunerin-Philos. Kurse. Atelier [?] am Dach Wanderung über den Gotthardt. Vergebliche Flucht. Locarno u. Monti Studien zur Phänomenologie (Wertethik) u. Husserl. Entarten der Grenzen aller Metaphysik Idee u. Gestalt (erste reale Beschreibung u. Ablehnung der Produktivität.
  • 1920 Noa-Noa bis zum Selbst Mordversuch im Lago Maggiore Umzug nach Monti Zoe u. Lieselstr. Katzenstein, Bastrack, Koppel, Picard etc. Die Baselerin. Augustinus Ausweisung u. Rückkehr -- zu Anka Besuch in Breslau (wo Lilly mich heiraten will).

Es sind für diese Etappe charakteristisch:

  • 1.) Die Erschließung eines neuen Stoffgebietes: der Gesellschaft, um es dem Ideal der Vollkommenheit zu unterstellen. Es wird gefunden:
    • a) daß der Künstler als Träger des Ideals u. der Staat voneinander zu trennen sind
    • b) daß der Staat wohl ein Ideal haben sollte, es aber in der Form des Völkerbundes nicht haben kann
    • c) es werden Bedingungen möglicher Vollkommenheit ausgegeben.

Dies alles bedeutet eine sehr starke Trennung von Ideal u. Wirklichkeit (durch Aufrechterhaltung der höheren Bedeutung des Ideals)

  • 2.) Benutzung des Ideals Lebensform im Verhältnis zu den Menschen durch folgende Momente:
    • a) die alten Verhältnisse zerbrechen entweder als Gespenster (Elsa. Lilly) oder lassen sich nicht als Leben realisieren (Anka). Die Unrealisierbarkeit des Ideals in bürgerlichen Formen
    • b) die Begegnung mit dem einfachen Menschen (Berta), der nicht zu idealisieren ist, dessen Realitätsrest man erkennt, mit dem man aber (als geistloser Realität) nicht leben kann.
    • c) die erste Entfesselung der Sexualität
    • d) die Abendsonne des Ideals: die schöne Ruth will mich heiraten, ich weiche aus, weil ich desertieren will.
  • 3.) Die Leidenschaft für Noa-Noa als dem [...] Wellen als einem [...] Typ im Lebensform: dem der Mannigfaltigkeit (ohne Einheit)
  • 4.) Der Versuch, die Grenzen des Ideals in der Unmöglichkeit einer (inhaltlich bestimmten) Metaphysik zu erkennen
  • 5.) Die Trennung von Noa-Noa in das Alleinsein gegenüber einer neue Mannigfaltigkeit ohne die Stütze eines Ideals. Diese Etappe ließe sich in 2 Stufen zerlegen:
    • a) 1914-18 Erweiterung des Ideals auf das neue Stoffgebiet der Gesellschaft u.Zersetzung des Ideals durch die Realität
    • b) 1918 -20 die neue Lebensform der Individuellen Mannigfaltigkeit ersetzt die Einheit und Vollkommenheit und zugleich wird die Basis der Idealwelt d.h. die Möglichkeit der Metaphysik zersetzt.

Die zweite Stufe ist etwas Neues, setzt aber die erste voraus und z.T. fort. War in der I. Etappe (1905-13) das Ideal stärker als die Wirklichkeit, es wird nun die Wirklichkeit stärker als das Ideal und die konkrete Welt, ihre intensive Erfahrung in ihrer Einmaligkeit, Varietät, Uneinheitlichkeit zur Aufgabe.

Von 1914-18 sucht der Geist die Wirklichkeit einzuholen, aber diese erweist sich als stärker; das Ideal wird aufgelöst und der Mensch vor die Realität gestellt.

Von 1919-20 stellt diese Realität das neue Problem, die neue Lebensaufgabe: die Mannigfaltigkeit des Individuellen. Bis 1913 wurde mit ihrer Priorität des Bewusstseins gelebt, seit 1914 mit einer Priorität der Realität und ihrer Bedürfnisse. Was auf der einen Seite als Zersetzung des Ideals erscheint, erscheint auf der [Continues on folio 9]

Folio 8 Verso

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Nürnberg, Germanisches Nationalmuseum, Deutsches Kunstarchiv, NL Raphael, Max, I,B-13 (0008b)
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Es ist noch in dem Verhältnis zu Noa-Noa charakteristisch, wie sehr es mir nur darauf ankommt, was da für mich günstig ist, was sie mich lehrt: das Erleben der jeweiligen Gegenwart ohne Einheit – nicht das was sie ist, wie sie lebt (verheiratet und klassisch, der große Reichtum). Ich kann sie nicht von innen erfassen, nicht ihr Leben verstehen, nur von außen beobachten und die geringe Lehre mit einer sexuellen Leidenschaft verbinden, die sich beruhigt, sobald ich sie anderwärts befriedigen kann. Während Anka gegenüber eine Einheit des geistigen und des körperlichen vorhanden war, ist hier mehr eine äußere Verbindung vorhanden. Das Sexuelle, das mir schon durch Frau Riotte (1916) emanzipiert hatte, […] jetzt für sich – der Zusammenhaben […]. Lilly und Elia [?] haben mir das Sexuelle nur suggeriert, bei Noa-Noa war ich der Verlangende (sie wollte Mutter sein). Es handelt sich aber nicht nur darum, dass mir die Frau etwas anderes symbolisiert (Schönheitsideal - Gegenwartserlebnis), sondern dass ihr gegenüber Geist und Sexus in einer anderen Beziehung stehen: ungeschiedene Einheit – getrennte Gleichzeitigkeit [?]. Der Wendepunkt liegt bei Frau Riotte, die nur Sexualität, ohne jedes Erlebnis ist u. bei der schönen Ruth, die Nachschatten des Ideals und Moment darin, Gegenwartserlebnis ist.

Es sind dies 2 getrennte Übergänge von Anka zu Noa-Noa. Das ist interessant sowohl für die Kontinuität wie für die Auflösung […] auf Mehrfachen Wegen. Die schöne Ruth geht […] als das was die 'anständige' Frau Riotte […].

[…]

Folio 9

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Nürnberg, Germanisches Nationalmuseum, Deutsches Kunstarchiv, NL Raphael, Max, I,B-13 (0009)
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[...] anderen als Setzung der Realität, bis diese als Erleben des Momentes, der Mannigfaltigkeit triumphiert.

Die Zeit von 1914-18 ist mehr Erweiterung und Abschluss der Vergangenheit

Die Zeit von 1919-20 ist Vorspiel der Zukunft. Die Setzung des Neuen -- so vorbereitet sie innerlich ist -- geschieht nicht von innen her (allein), sondern von Außen her (außer dem Beispiel von Noa-Noa), die genau wie Anka als eine Art Intuition und Offenbarung wirkt.

Folio 10

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Nürnberg, Germanisches Nationalmuseum, Deutsches Kunstarchiv, NL Raphael, Max, I,B-13 (0010)
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Am Anfang steht das plötzlich (intuitive, blitzartige überfallende) Auftreten des Ideals der vollkommen Schönheit als Einheit und Ziel des Bewusstseins (ohne jeden konkreten Inhalt). Am Ende steht die Hingabe an die Mannigfaltigkeit der Welt in ihrem konkreten Einzelheiten, vorläufig als Ideal, das in Noa-Noa realisiert wird.

In beiden Fällen:

  • a) wird von mir etwas erstrebt, wozu ich nur wenig Anlage habe, was für mich auch unendliche Aufgabe [ist].
  • b) wird mir diese Aufgabe als vollendet in einem anderen Menschen vorgeführt, in dem ich sie sehe und mir als Ziel setze.

Es ist dies eine Fähigkeit, das nur Angelegte, also z.g. Teil Fehlende zu empfinden, zu wollen, als vollendet nach außen zu projizieren, um es nachzuahmen. Von Anka bis zum l'art pour l'art ist ein und derselbe Weg, der unvollendet geblieben ist, da ich im […] nie bis zum l 'art pour l ' art gekommen bin. Es ist in beiden Fällen die Zielsetzung des Unmöglichen.

Die Zeit der Leidenschaften und Wahlverwandtschaften, aus denen man das Wirkliche entweder zum Ideal der Vollkommenheit erhöhte, sich das Fremde langsam assimilierte oder da auflöst und in ein elementares Chaos verwandelt, was zu stark, zu machtvoll ist, als daß die sich bildende Individualität, das sein Maß suchende Selbstbewusstsein mit dem Chaos fertig werden könnte (illusions und illusions perdues). Idealisiert wurden: die Frau (Anka – Noa-Noa), die Landschaft (Bodensee), die Kunst (Poussin). Praktisch und theoretisch verdammt: Familie, Gesellschaft, Staat, Geist wider Macht. Die sittlichen Grundlagen des Völkerrechts. Als das bewiesen war, war der […] am Ende seines Lateins (1918). Ich hatte begriffen, daß der ganzen Theorie eine Metaphysik zugrunde lag, die gegenstandslos war, weil die Theorie die Praxis nur verurteilen, aber nie formen konnte; und etwas Ungeformtes und Unformbares anzuerkennen, dazu war ich offenbar zu […] stolz. Ich erklärte lieber meine Theorie für geschlagen als vor dem Chaos zu kapitulieren. Der Geist suchte also mit einem großen Fragezeichen eine Aufgabe: das Ideal des Staates oder der gesellschaftlichen Ordnung zu finden.

In der neuen Epoche (1921-35/41) spielte Leidenschaft, Wahlverwandtschaft, Frauen und selbst Natur nur eine kleine Rolle; was ich suchte war die strenge Wissenschaft und durch sie hindurch einen Weg, um mit dem Problem der Kunst und vor allem mit dem des Staates und der Gesellschaft fertig zu werden. Da wurde formlos was vorher in meinen Bewusstsein die Form des Ideal hatte (während das Ideal für das gesucht wurde, von dem Bewusstsein verneint und über das hinaus es in[s] Elementare und Chaotische vorgestoßen war). Für die andere Zeit der ‘Vernunftehe mit Vergnügungen auf Ehe-Ferien’. Ich war nur am Sonntag ‘verheiratet’ (1921/24 Anka; 1925/30 Alice) auf Urlaub von der Arbeit. Das war ein Dualismus, der die Arbeit nicht störte aber das Leben nicht befriedigte. Daher folgt das experimentierende Suchen (1930/34) und die Resignation (1935/38). Dann die Einheit von Leben und Arbeit (1939).

Es gab aber auch einen Zwiespalt in der Lösung für die Gesellschaft: eine Theorie, die sich als fruchtbar erwies und eine Praxis, die behauptete, auf dieser Theorie zu beruhen und doch voller Fehler war und einen vollkommenen Zusammenbruch erlitt (1932/33 in Deutschland, 1939 in Frankreich). Diese Diskrepanz bleibt offen, da ich mich trotz aller Prüfungen von der Theorie nicht trennen kann. Das Charakteristische der Zeit von 1921ff liegt darin:

  • 1.) daß das Ideal für das bisher Unbewältigte gesucht wird.
  • 2.) daß das Ideal nicht mehr in einem anschaubaren Symbol gefunden wird (Gegenstand), sondern in der Methode, es zu machen. Daher hing ich mehr an der […] Theorie als an dem konkreten Einzelfall: R. war dieser Zeit beherrscht, war nicht das Unbewußtsein und seine Ideale, sondern das Ideal der vollkommenen Methode, die geeignet ist, die vollkommene Gesellschaft zu-formen. Am Ende steht: der Zusammenbruch der Praxis bis auf die Ehe mit Emmi.

Folio 11

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Nürnberg, Germanisches Nationalmuseum, Deutsches Kunstarchiv, NL Raphael, Max, I,B-13 (0011)
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Man kann dies so zusammenfassen:

  • A 1921 – 1930. Sind Erforschungen des isolierten Gebietes (Physik/Mathematik u. Kunst) u. des einzelnen Subjekts unter der Leitung der schöpferischen Methode. Der Weg geht logisch:
    • Vom Fundament Axiom zur Erscheinung
    • Vom Gebiet zum Einzelwerk
    • Von der Forschung zur Niederschrift
    • Von der Niederschrift der Einzelnen – Monographismus zur totalen Methode (mit einer Pause) von mehreren Jahren.
  • B. 1931 – 1941. Monographisch-soziologische Forschung. Das Einzelne Werk wird jetzt gegen den Hintergrund des geschichtlichen Ausschnittes gestellt, auf ihn bezogen, durch ihn erklärt. Ich beginne ziemlich gleichzeitig mit einem stofflichen Versuch (das [...] Adam-Eva-Paar) und mit einem theoretischen (die Kunsttheorie) um dann konkreter in Verschiedene Jahrhunderte einzudringen.

A. schaltet jede Geschichte aus und löst das Form-Inhalt Problem durch die Methode (Schaffenstheorie) Es ist dies wesentlich konkretere Wiederholung des Versuches von 1911/13 (Ende von A)

B. schaltet nur noch den Längsschnitt der Geschichte aussucht von der Formal-Soziologie (Gruppe) und der Material-soziologie (Villejuif) eine Beziehung zum Ausschnitt (1931-35)

C. schaltet Geschichtsepochen mit Wirtschafts- und Gesellschaftsstudium ein, ohne die stark monographische Seite in Kunstwerken aufzugeben (1935-40). B und C sind Annäherungen an das eigentliche Geschichte Problem.

D. 1941 ff. Die Kunstgeschichte: Palaeolithikum, Neolitikum – D. von 1870/1933.

Man wird am besten so einteilen können:

  • A. Monographische Forschungen (1921/30)
    • I. Gebietsforschungen: Axiome (und Erscheinungen) (1921-25)
    • II. Leistungsforschungen: Erscheinungen und Schaffenstheorie (1925-29)
    • III. Monographische Zusammenfassungen (1929/30)
    • IV. Schaffenstheoretische Zusammenfassungen (1934)
  • B. Soziologische Forschungen ohne historische Lösung (1935/40)
    • I. Vorstufe (als Intermezzo) 1931-34
    • II. Geschichtsepochen
  • C. Die eigentliche Geschichtsforschung (seit 1941)

A. ist eine Fortsetzung und Konkretisierung von 1910/1920.

B. ist der Neubeginn, die Vorstufe für C.

Man käme somit zu großen Einheiten: 1909-1930(34) Schaffenstheorie

  • 1. Kunst 1909-1913
  • 2. Gesellschaft (1914-1918)
  • 3. Kunst–Wissenschaft–Philosophie (1920-1931)

Es ist dies eine immer größere Erweiterung und Konkretisierung.
Die neue Periode: die soziologisch-historische (1931-40, 1941-) könnte sich wieder als eine neue Erweiterung und Konkretisierung erweisen, anderen Ende eine neue Schaffenstheorie steht, aber jetzt eine geschichtliche.

Folio 12

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Nürnberg, Germanisches Nationalmuseum, Deutsches Kunstarchiv, NL Raphael, Max, I,B-13 (0012)
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In der 1. Epoche (1902-20) suchte ich mich von einer Idee der Vollkommenheit her in der Wirklichkeit (Kunst, Philosophie, Liebe, Natur, Gesellschaft) anzusiedeln, bis sich die Idee auflöste und diese Methode selbst ungangbar würde (die größten Annäherung in Schillers ästhetischen Briefen).
Die bestehende Welt als solche würde abgebaut und dann (durch eine Schaffenstheorie) wieder aufgebaut; aber am Ende entschwand jede Metaphysik und es blieb die Mannigfaltigkeit der wechselnden Erscheinungen. Es erfolgte der Umschlag, die Verschiebung (nicht als freigewählt, sondern als Eingriff des Lebens, der biologische Entwicklung) von dem Körper (Leidenschaft) und der Vernunft (Idee) auf Sinnlichkeit und Verstand.

In der 2. Epoche (1921-1935/40) wurde die Welt so hingenommen, wie sie war als eine mannigfaltige fixierte Erscheinung und es wurde gefragt, wie sie sich aus sich selbst aufbaut. Das bedeutete in keiner Weise die Anerkennung der bestehenden Welt und ihrer Wertungen (weder in der Wissenschaft, noch im Leben), sondern das Suchen nach den Tendenzen, die in ihr selbst sie über sie hinausführen. So ergab sich der Aufbau der Kunst (und der Philosophie) nach dem Muster der Naturwissenschaften, die Begründung des Lehrer-Schülerverhältnisses: ein gleichzeitiges Belehrt werden und Lernen. Es sind 2 große Etappen (von denen sich jede wieder in sich selbst gliedert):

  • a) die Deutsche (1921-32)
    • a) 1921/24 die axiomatische
    • b) 1925/32 die empirische
  • b) die Französische (1933-41)
    • a) 1933/34 die Ernte
    • b) 1935/41 die Vorbereitung für Geschichte [?]

In der Etappe a) war ich in Opposition zu Umgebung; in der Etappe b) in Übereinstimmung zu ihr. In Berlin hatte ich die Wohnung aufgegeben, um nach Arosa bei Dr. Sachs einen Unterschlupf zu finden. In Paris suchten wir […] oder Kleinbürger zu werden. Die Diskrepanz in Berlin war ein Kampf ab dem ich schließlich außer dem Schema der Empirischen Kunsttheorie und dem Material für die Erkenntnistheorie die in Geschichtsmethode in die Zukunft mitnahm. Die Concordanz in Paris führte einerseits in die Literatur, anderseits in den ersten Überblick über Geschichtsepochen […] und schließlich zur Harmonie mit Emmi. In diesen zwei Fakten von Geschichte und Harmonie ward er Ansatz für die Überwindung der naturwissenschaftliche-monographischen Fixierung der gegebenen Welt und der Opposition selbst gegen das Concordium überwunden (die sich gegen die Gegebenheit als Gegebenheit richtete) Es war eine Zeit der Orientierung an der gegebenen Welt, bei Ablehnung ihrer Gegebenheit, und der Wechselwirkung zwischen ihren Gegebenheiten und dem schöpferischen Wollen.

In der 3. Epoche (D, seit 1941) hat nun der geschichtliche Aufbau der Welt aus sich selbst zu erfolgen und die Synthese zwischen dieser Geschichtlichkeit als der schöpferischen Kraft der Menschheit und dem einzelnen schöpferischen Akt des Bewusstseins (Kunstwerk) und des ganzen Lebens. Die Folge kann nur letzten Endes eine neue erweiterte Theorie des Schöpferischen sein. Die ersten 30 Monaten hier in NY dienten einerseits durch die völlige Isolierung von Menschen, anderseits durch die […] Arbeit von zwei Enden her (Paläolithikum–Neolithikum und Deutsche Gegenwart (1870 ff)) zur realen Überwindung der Hinnahme der gegebenen Welt […] Aufbau der Welt.

In der 1. Epoche wurde geurteilt, beurteilt, Stellung genommen und zwar nach Maßstäben, die zunächst im Emotionalen (Leidenschaft) und Geistigen (Ideal) triebhaft waren (und darum a priori erschienen) und erst realisiert werden mußten. Man schrieb der Wirklichkeit ein Sollen (Ideal) vor und beurteilte sie danach.

In der 2. Epoche schrieb die Wirklichkeit selbst auf das Ich wie auf eine leere Tafel – weitgehend alles was sie wollte, ohne daß das Ich irgendwie Stellung nahm. […] Es gab einen Gegenpol zu dieser Mannigfaltigkeit der Erscheinungen, der sich gerade in der Enthaltung von der Stellungnahme, in dem nicht-ausproben (und nicht-vornehmen) von […] zeigt: die Skepsis (mit der sich selbst aufhebenden Urteilsenthaltung (die als Metaphysik erkannt wurde) und die Mystik Eckhardts (die als das emotionale Gegenstück zur irrationalen Skepsis angesehen wurde). Beides war das völlig inhaltsleere Absolute (Nirvana). Während das Wirkliche vielfältiger, individueller und konkreter wurde, wurde das Absolute (abstrakter) inhaltsleerer, funktionsloser – es hatte aber die bedeutsame Funktion des Gegenpols, und sicherte allein durch den Bezug wieder eine Art von Ab- und Aufbau.der Wirklichkeit. Dieser Ab- und Aufbau lautete für die Philosophie: Es ist an allem zu zweifeln – die erste Setzung – die Methode – das System. Und für die Kunst: Das Element (Form) – die Einheit (Motiv, Seinsart) – die Methode – das Ganze und die Komposition.
Es ist wahrscheinlich, daß diese beiden Formeln auf ein und dieselbe zu bringen sind.
In dieser 2. Epoche kann man folgene Etappen unterscheiden:

  • I. 1921-25 Die Etappe der Axiome. Es wurde also nicht direkt ins Nichts abgebaut, sondern auf die Fundamente, es wurde dann aber der relative Charakter dieser Fundamente, es wurde dann aber der relative Charakter dieser Fundamente erkannt (Einstein – Newton) oder aufzuheben gesucht. (Newton - […])
  • II. 1926-32/34 Die Epoche der empirischen Analyse
  • III. 1932/40 Die soziologisch-geschichtliche Epoche

Die Zeit von 1932/40 war z.T. die Abschließung der vorangehenden Epoche, so durch die Erkenntnistheorie 1934 und 1936 durch die Absage an alle alten Bekannten (Erna, Edith, Jung, Ilse) die mich in Davos besuchen wollten. Es war merkwürdig, daß ich in diesem Augenblick die junge Schweizerin verstand (die sich versagte: auch das war ein Ende des leichten Zugangs zu Frauen).
z.T. die Vorbereitung von etwas Neues war die 1. Etappe des Neuen. So bereitete ich danach den Aufsatz vor: Ist der Kapit. Der Kunst günstig.
Der damalige Versuch in das eigene Leben einzudringen und dieses aufzuklären erwies sich als völlig undurchführbar.

Man könnte sagen:

  • Die erste Epoche (1905/8-1918/20) war die Zeit das Philosophischen Ab- und Aufbaus (Gegebenheit und Ideal)
  • Die 2. Epoche (1918/21-1932/34) war die Zeit des naturwissenschaftlichen Ab- u. Aufbaus (individuelle Mannigfaltigkeit – […] (Nirvana).
  • Die 3. Epoche (1932/35-) war die Zeit des geschichtlichen Ab-und Aufbaus.

Folio 13

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Nürnberg, Germanisches Nationalmuseum, Deutsches Kunstarchiv, NL Raphael, Max, I,B-13 (0013)
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Es ist schwer, diese reichlich formlose Periode, die keine einheitliche Linie hat, Als Ganzes abzugrenzen und in Ihren Teilen unterzugliedern. Das Ende könnte 1935 und 1938 liegen.
Die besten Unterteilung:

  • I. 1921 – Ostern 1924. Ersatzfamilienleben mit Anka und physik-mathematische-Axiomforschung. Inflation – […].
  • II. 1924 – 1928 (Frühjahr). Elly – Alice (das schöngeistige Sexualleben)
    Volkshochschule: Eindringen in die Analyse der Kunst und Kultur
    Neben diesem Leben im Stoff (außer) nur geringen [?] Bewußtsein.
  • III. 1928 – 1932 Von der Reise nach Sizilien zur Übersiedlung nach Paris.
    Aus mißlungenen Sexualbeziehungen entwickeln sich Freundschaften oder umgekehrt: geistige Beziehungen kommen nicht zu Sexualbeziehungen. Die (erste Gruppe von) Arbeiten über Einzelsujets: Monographische Arbeiten: Pyche [?], Valéry, Pyrrho/ Künstlermonographien.
  • IV. 1932-35 Weibliche Gelegenheitsbeziehungen.
    Zusammenfassende Arbeiten: Soziologie-Geschichte und Erkenntnistheorie
  • V. 1935(-41) Beginn einer neuen Periode (Übergang).
    Ohne Frauen bis zur Begegnung mit Emmi 1938 (Ende)
    Arbeiten zur Einstellung auf Geschichte:
    • XII Jhrdt (Christliche Kunst [?] und Plastik)
    • XIX Jhrdt (Corot, Flaubert)
    • XVII Jhrdt (Racine)

Am klarsten ist die Unterscheidung in den Arbeitsmethoden:

  • I. Axiomforschung: (mit Erfassung neuer Stoffe: Physik und Mathematik 1921/28). Es werden die letzten Grundlagen exakter Wissenschaft in ihrer Problematik untersucht. Das hat eine 3 fache Bedeutung:
    • 1. Ich traue mich noch nicht an die Malerei selbst
    • 2. Ich will wissen, was eine Wissenschaft ist, um eine Kunstwissenschaft machen zu können
    • 3. Die Axiomatik selbst wird problematisch (was die Grenzen der Wissenschaft erspürt)
  • II. Die Stoffanalyse (im wesentlichen über Kunst 1925-26 und Philosophie 1926-28): Jetzt geht es zwar direkt an den Stoff u. zwar an zwei Stoffe: Kunst und Philosophie. Dabei gehe ich verschieden vor:
    • A. für die Kunst:
      • die Analyse des einzelnen Werks
      • das Schaffen (Arbeiten) der künstlerischen Phantasie
      • die Kunstkritik (Einschaltung der Architektur)
      • Kunstsoziologie (erst zuletzt und mehr als formale Soziologie der Gruppe) Hier wird die Grenze der Geschichte nur berührt
    • B. für die Philosophie nach dem Schema:
      • De Omnibus Rebus dubitandur
      • erste Setzung
      • Methode
      • System (wie gehalten)

Auch hier in Parallelkursen eine Einschaltung: Marx (insbesondere die der Ideologie).

Das Gemeinsame beider ist der Drang nach der Konkretisierung der Theorie des Schöpferischen, die noch immer ohne Beziehung zum Geschichtlichen gesehen wird.

  • III. Die Monographien 1929/30
    • 1. Der dorische Tempel: Beschreibung der Form und Deutung des Gehaltes an Kategorien, die einen geschichtlichen Schnitt geben.
    • 2. Die Monographien: Corot, Rembrandt, Degas, Giotto. Form und Gehalt in einem einzelnen Akt der Phantasie oder im Verlauf von Akten
    • 3. Phyrro: Enthüllung des letzten Gehaltes (Metaphysik) unter der Form der (logischen Skepsis)
    • 4. Valéry: Gehalt nur der Form (erster Versuch über Literatur)
  • IV. Die soziolog. Versuche (1931-33) als Ersatz oder Vorstufe für Geschichte
    • 1. Die Arbeit über die Marxistische Kunsttheorie (1931) ist wohl schon etwas Neues: die Kreuzung der Geschichte und des Normproblems
    • 2. Der (2.) Picasso-Vortrag zeigt bereits die geschichtlich-soziologische Einstellung (1932)
    • 3. Proudhon – Marx – Picasso
    • 4. Villejuif.
  • V. Zusammenfassung (1934/35): Erkenntnistheorie
  • VI. Vorbereitung für geschichtliche Arbeiten: XII, XIX, XVII Jhrdt. (1935/40)

Vergl. C Sozialbeziehungen (gegen Ende).

Folio 14 Recto

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Nürnberg, Germanisches Nationalmuseum, Deutsches Kunstarchiv, NL Raphael, Max, I,B-13 (0014a)
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Das Verhältnis zu den Frauen zeigt folgende Etappen:

I. Das Ideal als friedlicher Eheersatz als Kompromiss von beiden Seiten.
Nach einer Steigerung der Gewohnheit und Herzlichkeit eine Zersetzung von inner her (als ein gewisser Zwang zur Dauer eintritt / das Ausweichen vor jeder Bindung.); dann durch Elly als von außen her. Elly als der letzte und vergebliche Versuch, das Bedürfnis nach Selbstbefriedigung mit Idealvorstellungen zu umkleiden. Es ist nur ein Versuch, das Unmögliche möglich zu machen, die Sterilität und Krankheit sexuell zu befriedigen. Der Versuch, subjektive Ideale (als Verschleierung von Sozialbedürfnissen) und objektive Sterilität zu verbinden (wie Elsa sie hatte) wird hier ad absurdum geführt.
Da auch Ankas Operation die Ursache ihrer ‘Keuschheit’ enthüllt hat, wird von innen wie von außen diese ganze Idealillusion um die (nicht-gekannte) Sterilität ad absurdum geführt.
Insofern beendet diese Zeit (1921-24) die Lebensform, die seit 1905 gegolten hat: die Idealisierung steriler Frauen (Anka, Lilly, Elsa, Noa-Noa, Elly)

Diese Bändigung geht in 2 Formen und 2 Tempi vor sich: einer mit Tendenz auf Eigenfamilie, die sich allmählich entwickelt und auflöst. Eine mit Nichtentstehung einer fremden Scheinfamilie, die sich sehr schnell abwickelt. Eine – kurz nach der andern – führen an das Ende meiner physischen Kräfte (aus verschiedenen Ursachen). 1924 endet die 1905/06 begonnene Lebensform und auch Menschen. Es ist ein Abschluss.
Eigentümlich ist, daß neben Elly (und meiner Deutung des offenbar Unfruchtbaren auf Elementares) Babette steht, die mich offensichtlich gern hat, wie Berta eine Sachlichkeit, die man nicht interpretieren sondern nur leben kann, und die ich nicht leben kann.

Die ganze Periode von 1905/06-1924 wäre zu charakterisieren als die Zeit der Idealbedeutung steriler Frauen: der Typ der Vollkommenheit und der Typ der Lebendigkeit (individuellen Erlebnisses). Es gibt nur den Unterschied zwischen der Funktion des Ideals auf lange Sicht (Anka – Noa-Noa) und der auf kurze Sicht (Lilly, Elsa, Elly). In der schönen Ruth wird die Synthese von Vollkommenheit und Lebendigkeit (Vergangenes und Kommendes) kurzfristig diese Doppelfunktion von Ruth als Identität von Schönheit und Leben, in einem kurzen und völlig außergewöhnlichen Moment ist doch sehr merkwürdig.

Neben diesem Hauptstrom gehen Nebenströme:

  • a) die reine Sexualität (Frau Riotte und vorher vielleicht Ida von Sipplingen
  • b) das nicht deutbare konkrete Leben (Bertha, Babette), dem ich nicht gewachsen bin.

Es sind diese beiden Nebenströme, die in der Zukunft charakteristisch werden: erst a) von 1925-1938, dann b) von 1938-.

Die Zeit von 1921/24 ist also im Wesentlichen die Zersetzung der alten Lebensform der Idealisierung der (sterilen) Frau. In welchem Verhältnis steht nun diese Lebensform zur Arbeit? Auch sie war – wenigstens bis 1918 – eine Betrachtung der Welt unter einer apriorischen Conception und es wäre zu fragen, ob diese ebenso steril war wie die Frauen, oder ob die Wahl instinktiv auf sterile Frauen fiel, um nicht von der Arbeit abzulenken? In einer Hinsicht ist die Zeit von 1919-24 ein letzter Ausläufer, insofern die Form sich mehr modifiziert und nicht ändert in anderer Hinsicht ist sie die Vorbereitung eines […] (in stofflicher Hinsicht) Diese Diskrepanz zwischen Stoff und Form, zwischen beendender Fortsetzung und beginnender Neuerung ist ein Zeichen der Wandlung, aber auch der Unsicherheit. Übrigens leigen die ersten Anzeichen der Wandlung bereits 1916 (ja selbst 1914): Bertha, Frau Riotte und Ruth.

II. Die neue Epoche der völligen Form- (und Inhalts)losigkeit im Verkehr mit Frauen beginnt 1925 und dauert bis 1938. Es sind folgene Etappen zu unterscheiden:

  • 1. Die (fast uninteressierte) Sexualbefriedigung an einer Frau (Alice, Lena) (die fruchtbar ist, serie von Schwangerschaften) 1926-31. Aus dem (oktroyierten subjektiven Ideal ist das Suchen geworden, ob man eine Frau findet, mit der man leben kann).
  • 2. Die Sexualbefriedigung an beliebig vielen Frauen (die z.T. fruchtbar, z.T steril sind): Mary […], Else Epp., Ilse, Alice, Schülerin in Davos, Ey, die Palästinenserin. Dies von 1930-1931/36. Das Eigentümliche ist, wieviel Dauerfreundschaften sich aus diesem Gelegenheits-Sexualverkehr entwickelt habe [sic] (Ilse, Alice, Ey). Es lag vielen eine zärtlichkeits- und Gemeinsamkeitsbedürfnis zugrunde, das scheiterte). Von 2 Seiten wurde bewußt oder unbewußt gesucht, und nicht gefunden.
  • 3. Die fast gänzliche Sexualenthaltung (1936 – 1938) trotz Liza, […], etc.
  • (4. Emmi)

Was an dieser Periode charakteristisch ist, ist

  • a) der empirische Charakter: man lebt mit dem, was sich bietet
  • b) der Versuchs- oder Suchkarakter. Das „Ideal“ ist jetzt nicht mehr eine Setzung, die man oktroyiert, sondern eine Aufgabe, ein Etwas, das ab der Erfahrung, dem Experiment was springen soll. Das Verhältnis hat mit aber […]: statt auf Grund einer ‘Sympathie’ (Anziehungskraft), die man mehr geistig als physisch setzt zu Schließen, daß eine Harmonie besteht, experimentiert man mit der Wirklichkeit, um zu sehen, ob eine Harmonie herausspringen wird. Was die Etappen unterscheidet, ist die Zahl und das Tempo der Experimente: zuerst war eines in 5-6 Jahren, dann mehre in einem Jahr. Dieses gesteigerte Suchen beginnt, als in der Arbeit die empirische Analyse der Formulierung zu weichen begonnen hat (ein Zeichen Charakter [?]/Vitalität und Bewußtseins auf der ganzen Linie.

Man könnte die Etappen auch so unterscheiden:

  • 1. das gebundene Suchen (die Trägheit, die nicht suchen will oder kann)
  • 2. das ungebundene Suchen (das lebendige Suchen mit Tempo)
  • 3. der Verzicht auf das Suchen
  • 4. das Finden ohne zu Suchen (nach den 3 Vorstufen: Bertha, Babette, das Stubenmädchen und Anka)

Folio 14 Verso

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Nürnberg, Germanisches Nationalmuseum, Deutsches Kunstarchiv, NL Raphael, Max, I,B-13 (0014b)
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Man könnte die ganze Zeit von 1926 – 1938 als eine Epoche zusammenfassen: die der Bildung und Auflösung der Empirie (mit dem Suchen des Ideals als Resultat, und sie gegenüberstellen der Zeit von 1903/5-1920/24 als der Epoche des Ideals das nach Empirie strebt (wobei Empirie nicht Geschichte sondern Gegenwart, Dasein ist).
Das Ganze hat 2 Große Etappen: das Ideal der Vollkommenheit (1905/18) (des nach Empirie wichtigen Ideals) und des Ideals der Lebendigkeit [sic] (1919-1938/41) als Ideal a posteriori, als nach Ideal süchtige Empirie)
Sehr auffällig sind die ganz verschiedenen Lebensweisen, die sich in beiden Etappen wiederholen:

  • a) die extreme Steigerung und Zuspitzung (Anka 1905, Noa-Noa 1919, Emmi 1938) bei Ankündigung des neuen Themas
  • b) die mittlere Temperatur (die Zeit von 1920-24). 1935-1938. (wohlige Trägheit)
  • c) der Tiefstand des Bewusstseins (1909-11/16, 1925-1928) Dumpfes Wühlen nach Neuem
  • d) das Ahnen der (nur unrealisierbaren) Zukunft: Bertha, Babette, Stubenmädchen und Anka. Über das ahnen der sich realisierenden Zukunft 1910 in Düsseldorf 1914/15 in Bodensee 1932 Entschluss Paris.
  • e) die Aggressivität und die Passivität (1930 – 35) die oft stark so zusammengehen, daß man sie nicht unterscheiden kann. Es gibt neben gelingenden auch fehlschlagende Aggressivitäten ([...]) und neben Passivitäten, denen man unterliegt, auch solche, denen man sich entzieht (Frau Edith, Alice Zurleit, etc. etc.)
  • f) Vorformen (Präludium), die man nicht einmal als solche ahnt, obwohl man sie mit erhöhtem Bewusstsein erlebt (Ruth, Elly); man nimmt sie als […] der Vergangenheit (was sie auch sind) während ihre größere Bedeutung in ihrem Hinweis auf die Zukunft liegt. Sie sind Gelenke, Wendeformen, Portes-artige Gebilde. (1916-1924). a) und f) sind eine Art […], der auch negativ sein kann wie Geist (1940/41) oder besser positiv und negativ zugleich ist.

Man kann dies zusammenfassen:

  • I. Die extreme Steigerung.
    • 1. im Falle a): neues Thema
    • 2. im Falle f): […]
  • II. Der Tiefstand des Bewußtseins
  • III. Die mittlere Temperatur (vergl. V.)
  • IV. Aggressivität und Passivität
  • V. Gleichzeitige Zusetzung und Vorbildung ([…])

Es ist damit zweierlei gefunden:

  • A. Die Einheit des Lebens – bei Umkehrung der Antithesen: Ideal und Empirie: wirklichkeitssüchtige Idealsetzung, idealsüchtige Wirklichkeitsanalyse
  • B. Die wechselnde Mannigfaltigkeit der Lebenshaltungen, Vitalitätsgrade etc., die sich durch Art, Dauer, Intensität etc. unterscheiden (z.T.). Sie dürften nicht vollständig sein und die Frage, ob in einer Folge eine Gesetzlichkeit liegt, ist nicht entschieden.

Folio 16

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Nürnberg, Germanisches Nationalmuseum, Deutsches Kunstarchiv, NL Raphael, Max, I,B-13 (0016)
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Das Verhältnis zu Menschen und zur Gesellschaft

Für die Zeit der Vergangenheit ist folgendes zu bemerken:
A. Kindheit (ungeschiedene Einheit)

  • I. Völlige Isolierung in der Familie, in der Schule und in der Stadt. Ich war immer der Fremde ohne Freund
  • II. Liebe zu Mutter und Frieda, aber auf Grund rein persönlicher Sympathien, ohne jedes Gefühl für Familie
  • III Die scharfe (moralisierende) Kritik der nächsten Umgebung (erbarmungslos im Standpunkt und mit dem bösen Blick der abstrakten Idealität). Ich hatte niemals einen Kindheitsgespielen, niemals einen Schulfreund; und das Ende war der äußere Bruch mit Familie (Vater) zuerst wegen Natur, dann wegen Arbeiter und Anka und schließlich wegen München.

B. erste Epoche der Antithetik (wirklichkeitssüchtige Idealität):
I. Sie war (vollständig) auf Personalbeziehungen aufgebaut:

  • 1. Liebe (Anka; Lilly – Elsa)
  • 2. Freundschaft (Erwin – Edmund) Bergers. Jung.
  • 3. Gleichstrebigkeit. (Pechstein)

Nicht in einer einzigen dieser Beziehungen konnte ich den Andern von innen her verstehen, war eine wirkliche Gegenseitigkeit vorhanden, wirkten nicht Illusionen mit, die bald zu Enttäuschungen führten.
Nacheinander […] die einzelnen Faktoren: Bergers, Pechstein, Erwin, Lilly, Elsa. Anka blieb als das Ideal, das nie reale Beziehung wurde und Edmund blieb als der fremde Deutsche, der mich lehrte, was der D. war, ohne daß er je das geringste […] verstand und ich mehr von ihm als ich lernen konnte: das Wandern. [sic]

II. Sie begann mit einem Sozialakt (Streik, Sympathie für 1905 – [R…]), der nicht an die Umgebung meiner Studien (Universität) anknüpfte, sondern an die fremde Klasse, an die in D. unmögliche Revolution. Also erst recht nicht an ein d. Nationalgefühl (ich habe 1914 kaltblütig und uninteressiert die Niederlage vorausgesagt). Dieser Sozialakt zum Fremden – in völliger Übereinstimmung mit der Abwesenheit jeden Familiengefühls – wurde vom l´art pour l´art, dem Ideal der persönlichen Vervollkommnung völlig zurückgedrängt: erst Bein, dann Leister. Gipfel im Kriegstagebuch 1917, wo zugleich der entscheidende Fabrikbesuch. Während I. eine (breite) Reihe von (meistens) Gelegenheitsversuchen war, war II. eine allerdings unbewußt stark nachwirkende, mit meinem Wesen sehr zusammenhängende) Episode.

Es entstand das Gefühl, daß in allem, was über das eigene Ich hinausgeht, keine Zuverlässigkeit ist; alles außer mir war schwankender Boden und Versagen. Edmund und Anka hielten äußerlich (nicht innerlich), ohne inneres Verstehen und ohne Gegenseitigkeit – als 2 Freunde, 2 Ideale. Dies ist das Merkwürdig: daß mich das Fremde (oder gewesen Fremdes) immer angezogen hat als Möglichkeit meiner Icherweiterung. Das Streben nach Ichtotalität (in allen Richtungen) war mir immer immanent und insofern war ich auch soziabel. Aber das Soziale blieb mir immer äußerlich und ohne Gegenseitigkeit, ich war immer einsam und meistens ach allein. Der Verkehr mit Menschen war ein Besuch in einer fremden Welt (mit mehr oder weniger starker Anziehung der Freunde: der Reichtümer, der Phantasien, der Sentimentalität (Natur), der Schönheit etc. Es gab keine einzige Gemeinschaft und viel Illusion, die sich mehr oder weniger schnell und gründlich zerstörte. Die einzige Ausnahme ist Jung.

C. Die 2. Epoche der Antithetik.

I. Die Personalbeziehungen werden außerordentlich zahlreich, aber äußerlich, oberflächlich, konventionell. Selbst die sogenannte Freundschaften sind nicht mehr als ein mit Absicht eingegangener kompromiß (Hirschberg, Appelbaum) oder Gefühl der Dankbarkeit für Hilfe (Kuppel) oder etwas dankende Entgegennähme von Gefühlen, die man für mich hat (Kern, Man und [M…])

Es ist nicht so, als ob das Bedürfnis nach tieferen Beziehungen aufhört, im Gegenteil dieses Bedürfnis verfälscht oft die tatsächlichen Verhältnisse und führt schließlich zu der Theorie, daß ich verpflichtet bin, auf persönliche Beziehungen zu verzichten, um in allgemeine Verpflichtungen aufzugehen. Es bildet sich zwischen innerlich-leidenschaftlicher Freundschaft und äußerlicher Bekanntschaft eine Mittelschicht von herzlicher Bekanntschaft und äußerer Freundlichkeit, die viele Abstufungen hat (von Schäffer bis Koppel) von Cora Berliner bis Sola, aber das immer Unpersönlichkeit, Distanz, Mangel an letztem Einsatz enthält. Die Freundschaft ist kein Seelisches Lebensfundament mehr, obwohl mir noch manche materielle Hilfe von ’Freunden’ zufloß. Was sich zusammenfindet, ist die Achtung vor meiner Leistung einerseits und die materielle Hilfe für diese Leistung anderseits eine doppelte Objektivierung, Vermittlung statt das persönlichen Einsatzes.
Ein anderes Merkmal ist der beträchtliche Umfang und die Verschiedenheit der Berufe in der Zeit von 1921 oder 1924-1932; aber […].
In der Zeit von 1933-1940 wurde die Zahl der […] wesentlich kleiner und beschränkte sich fast ausschließlich auf Künstler. Strumpel, Schäffer (aber selbst Lurçat und Blumberg) waren Beispiele dafür, wie sehr jetzt der Verkehr auf diesem Element der Achtung beruhte. Nur alles diese Verhältnisse zerfielen seit 1939 bis auf das zu Lurçat (das ganz allmählich zu einer Freundschaft wurde).
Entscheidend ist:

  • die neue Dualität der Personalbeziehung (statt direkter […] hingabe – distanzierte, vermittelte, fast unpersönliche, aber auch seelisch-gefühlsmäßige Beziehung
  • der relativ große Umfang bei starker Verschiedenheit (aber Fehlen des Gleichen) die Schichten in der Zeitfolge:

Folio 17

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Nürnberg, Germanisches Nationalmuseum, Deutsches Kunstarchiv, NL Raphael, Max, I,B-13 (0017)
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  • 1920: Katzenstein, Koppel – Bachrach, Bodener, Picard, Zoë Caruso
  • 1922: Weiser, Mattheus, Goldstein, Wolff, Ida Hövaberg, Appelbaums
  • 1923/24: Cora Berliner, Geiger, Schäffer, Fleischmann (Alice)
  • 1926: Lavinia, Sola, Dora Mitzki (und deren Schwester). Die Empfindliche in […].
    Anni Bodener, Karger Holsen.
  • 1927: Frau X in Westend, Grete Wittels. Fran[…] Frau Dr. Sus[…] (als Schülerin)
  • 1928: Eva Sachs
  • 1929: Frau Lenn[…] gegen. Littauischer Kunsthist. Augsburger […].
  • 1930: Bajanowicz, Dr Sus[…], Vera Lachmann, […] Schülerin
  • 1931: Max […], Erna Hoffmeister, Der kath. Schüler in Davos
  • 1932: die ‘blonde Griechin’

Es sind dies im Wesentlichen Achtungs-, Schätzungs- Leistungsbeziehungen, die sehr verschiedene Nuancen habe

  • von kollegialer bis zur (schülerartigen) Verehrung,
  • von geistigem Respekt bis zur materiellen Hilfe
  • von ängstlicher Zurückhaltung bis zu einer gewissen Feierlichkeit
  • von einer Sensibilität bis konventioneller Gleichgültigkeit
  • von Reiz des innerlich Verwandten bis zum Reiß des Fremden, Andersartigen.

Der Beginn der meisten dieser Beziehungen war Einführung, Einladung, Empfehlung: gesellschaftliche Gelegenheit. Das Ende war ebenfalls selten spontan persönlich, sondern das Dazwischentreten eines anderen Menschen oder der Umstände. Man lernte entweder die Kreise seiner Freunde kennen oder Einsame taten sich (aus besonderen Umständen) zusammen.
An Ursachen mag für die Wandlung vieles zusammengetroffen sein: das zunehmende Alte. Das Erlebnis mit Noa-Noa, das innere Bindungen an München zu gefährlich machte.
Solange man jung war, war (und galt man als) ein unbeschriebenes Blatt und man stürzte sich reservelos in die inneren Erlebnisse; es gab keinen anderen Zugang zur Welt als die innere Hingabe. Als man älter wurde, war man ein beschriebenes Blatt und man war voller Reserven gegen eine innere Hingabe (aber immer zu äußeren Versuchen geneigt), weil man die Gefahr der reinen Innerlichkeit erkannt hatte.

Gibt es wesentliche Unterschiede in dem Charakter der persönlichen Beziehungen zwischen der Berliner Zeit (1921/32) und der Pariser Zeit (1932/40)?

  • 1933: Schymann, Ivg. Lurçat, Blumberg, Hanna Levy, […], Steins. Die Engländerin Vorledge, Hélion, Simon und […] Laurens.
  • 1934: Schäfer. Der Triestiner [….]. Sara. Der belgische Bildhauer.
  • 1935: [….] Schapiro.
  • 1936: Strempel, [….] Prof Grautoff.
  • 1937: Max und [….] Bartoletti, Klaus Schäfer. Dr. Wescher.
  • 1938: Frau Dr.. Solas littauischer Freund
  • 1939: Jeanne Estéve.

Das Charakteristische ist:

  • 1. die klare Trennung der verschiedenen Arten von Verhältnissen (mit gewissen Einseitigkeiten)
  • 2. das Herausbilden von Meister-Schüler-Verhältnissen: Generationsverhältnisse
  • 3. das allmähliche Entstehen von Freundschaften (Vorledge – Lurçat – Liza)

Auffällig ist,

  • daß sich die französische Verhältnisse alle gleich am Anfang bilden und dann stoppen.
  • daß die Generationsverhältnisse von Anfang bis zum Ende durch gehen
  • daß bestimmte Verhältnisse (sogar äußerlich) den Krieg überdauern, d.h. von den Ereignissen nicht erschüttert werden können.

Von dem Meister – Schülerverhältnissen zerfallen fast alle, das übrig-bleibende ([…]) ist das letzte und besonders ’akademisch’
Die neuen persönlichen Verhältnisse entstehen z.T. auf den ersten Blick (Mrs. Vorledge) z.T. wachsen sie ganz menschlich (Lurçat). Es sind innerliche Verhältnisse mit Distanz – eine Art Synthese und es gibt in ihnen wenig Unterschied zwischen Innerlichkeit und äußerer Hilfe: die (gegenseitige) Leistung ist immer miteinbezogen als eine Selbstverständlichkeit z.B. die Hilfe für die Veröffentlichung der […].

Folio 18

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Nürnberg, Germanisches Nationalmuseum, Deutsches Kunstarchiv, NL Raphael, Max, I,B-13 (0018)
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II. Die Sozialbeziehungen (die Volkhochschule)

In der Periode der 2. Antithetik tauchen zum 1. Mal Beziehungen zu sozialen Gruppen auf (die seit 1905 nicht mehr vorgekommen waren). Es handelt sich jetzt nicht mehr um einen einmaligen, sondern um einen langdauernden Akt (1925-1932); es handelt sich ferner nicht um einen politischen, sondern um einen pädagogischen Akt.
Der marxistische Keim von 1905 (der 1915/16 im Fabrikbesuch wieder hochkam), kommt nu zur einer Entfaltung, nachdem das l´art pour l´art Prinzip mit allen seinen Konsequenzen sich als an den politische Ereignissen hat beweisen sollen (Flucht 1917) und schließlich durch Tatsachen und Erkenntnisse widerlegt worden ist als zu eng. Es bilden sich im Umgang mit den Arbeitern ganz allmählich 2 Erkenntnisse: die politische und die historische, die im Marxismus ihre Einheit haben. Hier wird praktisch gelernt, was mir 1905/06 und dann 1913 (aber auch noch 1934 (Erkenntnistheorie) aus den Händen geglitten war: die historische und politische Welt.
Die ganze Hingabefähigkeit, die sich in den persönlichen Beziehungen nicht mehr betätigt, äußert sich nunmehr in der Intensität der Kurse: zuerst nur Volkshochschule: Kunst, dann auch Philosophie; dann auch der Marxismus. Aus einem zunächst politische neutralen Unterricht, der sehen und denken lernen [sic] will, wird immer deutlicher einer Erziehung zur Politik. Der Lehrende wird der Lernende und zwar was den Inhalt betrifft (Marxismus) wie was die Form betrifft (die Verständlichkeit im Fragen und Antworten).
Ich lerne an der Praxis, indem ich lehre, das was ich aus Eigenem d.h. nur theoretisch nicht habe kriegen können: kritisches Denken und politische Haltung. Beides zunächst noch in einem begrenzten Umfang.

In der Zeit von 1925-1932 sind diese Sozialbeziehungen und ihre Ergebnisse für mich wichtiger als die Personalbeziehungen. Begleitet von den Privatkursen und den Privatschülern kehrt sich hier zum 1. Mal (Vorspiel der Philosophiekrise bei Bodmann) das Generationsverhältnis um: aus dem ewigen Studenten wird zum 1. Mal der Lehrer. Und während der Student ein isoliertes Wesen ( mit zwischenmenschlichen Beziehungen) […], wird der Lehrer ein sozial-politisches Wesen mit Gruppenbeziehungen.

In der Zeit von 1933-40 tritt diese Lehrtätigkeit mit Gruppen nur noch gelegentlich auf (Kurse in Zürich, Basel, in Lurçats Schule etc.) aber sie formt nun die Personalbeziehungen. Anderseits tritt die sozial-politische Einstellung in die Arbeit eigene ein, ohne sich schon voll zur historischen zu entwickeln. Dies geschieht nur allmählich seit 1935 und dann definitiv und entscheidend seit 1941. Von der stark monographischen Arbeit (die sich bis 1930 hinzieht) ist der Individualismus des Werkes einstweilen in den Hintergrund gedrängt.

Man könnte die Zeit von 1905-1924 die individuelle nennen, die sich in der Arbeit bis 1934 ausdehnt. Die Zeit von 1925- die soziale mit Tendenz zur Geschichte (die in der Arbeit erst 1932 einsetzt) Das Eigentümliche ist:

  • wie sich das Individuelle zuerst aus dem Leben zurückzieht in die Arbeit.
  • wie sich das Soziale zuerst im Leben vorbereitet, um dann in die Arbeit einzudringen. Die Einheit liegt darin, daß schon das 1. Buch eigentlich ein Geschichtliches ist, aber als solches nicht zu Ende geführt werden kann. Zu dem Komplex der ungeschiedenen Einheit von Individuele- Bewusstsein und Sozial- Geschichte entwickelt sich das erste vor dem Zweiten.

Also selbst das bewußte Leben (seit 1905) beginnt mit einem Komplex, einer ungeschiedenen Einheit, deren kontrastierende Elemente sich langsam auseinanderliegen. Es sind die Jahre 1905-908, in denen alle Faktoren neben und untereinander an die Oberfläche treten: Ichbewusstsein, Ideal, Sozialgefühl, Naturgefühl, Kunst etc. ohne jeden Versuch der eigenen Aktivität, die über das von der Sache selbst geforderte hinausgeht. Es liegt in dieser Zeit eine Kreuzung zwischen der kindlichen Passivität und den Themen der späten persönlichen Aktivität (Realisierung) Es ist diese Überkreuzung (z.B. auch in der Zeit von 1921-24) oder 1932-34, die jede periodische Einteilung in Perioden und Epochen erschwert.

Dreimal treten die Sozialbeziehungen in den Vordergrund: 1905/6, 1914/18, 1925/32, 1940/. Das Gemeinsame ist, daß jedesmal ein äußerer Druck mitwirkt: die russische Revolution, der 1. Weltkrieg (die d. Reaktion) und der 2. Weltkrieg. Abgesehen von 1905/06 wo der Druck unbewusst war und 1925/32 wo es sich um ein inneres Bedürfnis gehandelt hat, war also ein äußerer Zwang nötig. Umgekehrt ist es auffallend, daß die Abstände fast gleich sind, was auf einen inneren Rhythmus schließen lässt.
Die Unterschiede sind folg.:

  • 1.) 1905/06 dauerte nur kurz, war ein Kontakt ausschließlich mit Arbeitern und zu einem begrenzten […] (Streik). In Verbindung damit der Verkehr mit Emigranten der Russische Revolution und die erste flüchtige Bekanntschaft mit den Schriften von Marx, der Lektüre des Vorwärts. Es war eine kurze, aber sehr intensive, praktische Erfahrung, die aber völlig leer und ohne Konsequenzen ablief.
  • 2.) 1914/18. Zuerst lernte ich das bäuerliche Leben, das Dorf und seinen Rhythmus kennen, dann das Militär mit z.g.T. Kleinbürgern. Es folgte (gleichzeitig) die Lektüre und das Nachdenken über das Wesen der Gesellschaft, des Krieges, die internationalen Beziehungen. Das erste Ergebnis war die Trennung von Marx und Geist. Das zweite war die Anwendung des (erkenntnistheoretische d.h. moralischen) Ideals auf Recht und Staat (die moralischen Grundlagen des Völkerrechts) und die Aufzweigung des Abstandes zwischen beiden.
  • 3.) 1925/32 Es handelt sich jetzt um eine lange Beschäftigung mit (fast ausschließlich) Arbeitern und die Eroberung das dialektischen (historischen) Materialismus als Theorie und in seinen praktischen Konsequenzen. Es war ein Arbeiten sowohl zur Erziehung wie zur Partei, eine Art Schule zur Politik. Die Schwierigkeiten und Diskrepanzen zwischen der prinzipiellen Notwendigkeit zu politische Parteiarbeit und der sehr unvollkommenen realen Partei wurden nicht unterdrückt, aber doch verkleinert auf Grund der Voraussetzung, daß der verlogene und schlecht funktionierende Apparat nur von innen zu erobern sein. Es war eine begrenzte Tätigkeit (pädagogisch) mit Eroberung der theoretischen Basis, aber ohne jede wesentliche literarische Auseinandersetzung.
  • 4.) 1940/ Der Weltkrieg brachte mich in die frz. Konzentrationslager, aber innerlich schien er mich zunächst nicht anzugehen (das furchtbare Erlebnis der jüdische Kleinbürger blieb isoliert) Ich fand keinen Ansatzpunkt zur Auseinandersetzung mit ihm. Das begann anders zu werden mit dem Angriff auf R. und Anfang 1942 stellte sich das Thema: D. Es begann die theoretische Erklärung eines geschichtlichen Phänomens, das mein ganzes Leben umfaßt, obwohl es mir innerlich immer fremd geblieben ist.

Folio 19

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Nürnberg, Germanisches Nationalmuseum, Deutsches Kunstarchiv, NL Raphael, Max, I,B-13 (0019)
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  • 1.) War das Einfallserlebnis aus in sehr konzentrierter und [in…] Form […] die Praxis (Streik, Revolution) und die Theorie ([…]) aber unverbunden nebeneinander und ohne literarische oder praktische Anregung. Es war die gefundene (aufgedrängte) und triebhaft geladene Thematik und dabei zugleich die erste Erwerbung der Kenntnisse: […] d. Arbeiter und des großen Idealismus der russische Revolutionäre (was die Entfremdung zu D. unbewußt stark erhöh hat).
  • 2.) War eine auf tatsächlicher Erfahrung beruhende Auseinandersetzung zuerst praktisch (1914/17), und theoretisch, dann literarisch. Objekt der Erfahrung waren die Bauern, die Kleinstädter, das Militär, der Krieg (und der Staat). Alle theoretischen Hilfsmittel waren bürgerlich-sozial. Art (Simmel, Oppenheimer etc.) Die Auseinandersetzung selbst war ungeheuer aufreibend – eine starke Spannung zwischen meiner l´art pour l´art Stellung und meiner Skepsis gegen den kapitalist. Krieg einerseits und dem Druck des Militärs, der Aufhebung der persönlichen […] anderseits. Der Gedanke einer Revolution war seit 1916 durchaus da, aber in einer abstrakten Form. In dieser ganzen Auseinandersetzung […] die einmalige Berührung mit der Arbeiterschaft einen starken Eindruck (Besuch der Schokoladenfabrik) blieb aber praktisch und theoretisch ohne Konsequenz. Die Trennung von Geist und Macht und die Verurteilung des Staates vom Standpunkt des moralischen Ideals (Begrenzung des Völkerbundes) gab die Möglichkeit aus der keine Konsequenz z ziehen. Es war der Rückzug aus der […] zu finden. Es war der Rückzug aus der erlebten Politik um des Ideals willen. Die russische Revolution (1917) machte zunächst nicht den geringsten Eindruck. Revolution und Krieg waren vom Geist verworfen.
  • 3.) Diese Position änderte sich fast unbewußt, obwohl gelegentlich stoße stattfanden: Frida Winkelmanns Opposition gegen meine Auffassung vom Krieg, Lenins Tod. Was mir ins Bewusstseins trat, war das Bedürfnis zur Arbeit mit Menschen, aber ich hatte doch die klare Einstellung, daß das Lernen ein politisches Ziel haben müsse. Nachkrieg und Revolution haben […] abstrakt politische Sympathien (oder Antipathien) herausgebildet, die sich durch den Kontakt mit den Arbeitern realisierten. Es war jetzt nicht mehr eine Art passiver Erfahrung mit innerer (geistiger und literarischer) Auseinandersetzung, sondern eine praktische Schule zur Politik. Merkwürdig genug, daß diese Arbeit unter der pädagogische Maske vollzog. Sie hatte zunächst weder praktische noch literarische Konsequenzen. Ich war im […] einer geschichtliche Theorie und politische Anschauung und war im Begriff, sie – nicht in der Praxis – sondern in der Kunst anzuwenden; sie wurden durch den Zwang des Stoffgebietes soziologisiert. Wie 1905/06 auf das politische Einfallserlebnis die Entwicklung zum l´art pour l´art prompt erfolgte, so folgte jetzt die Zersetzung des l´art pour l´art Prinzips, soziologische-geschichtliche Auflösung (1938/39). Es verlor seine Geltung als absolutes Ideal. Gemeinsam ist allen 3 Fällen die starke Spannung zwischen Politik und Geist, wobei Politik im Sinne der Rev., Geist im Sinne des l´art pour l´art gewonnen wurde, beide also in (unversöhnlichen) Extremen. Aber das ist für meinen Hang, das Unmögliche zu wollen, sehr charakteristisch. Es war die Erkämpfung einer Position und einer Methode, von der aus das Politisch und das Geist zu versöhnen als Aufgabe erschien (1925/32), dazu Mußte allerdings das Geistige als l´art pour l´art allmählich zersetzt werden (1932/39)
  • 4.) 1942/ Jetzt stellt sich das gesellschaftliche-politisches Problem ohne spez. Erlebnisbasis, als […] objektives, mit dem nur Unsympathisches Sujet und mit der Frage: Woher das d. Geschehen? Und woher die Niederlage des d. Marxismus? Es ist die Arbeit eines Diagnostikers und Analytikers. An D. gebunden durch Emmi, an den Marxismis gebunden […] R. ist mir der Ausgang der Arbeit noch völlig […] unklar: Ist sie die Vorbereitung für ein polit. […] in D. oder ist sie die Auflösung des polit. Standpunktes wenigstens als eines idealen? Und damit der Rückzug aus allem polit. in die Geschichte, die auf dem Weg über das gesell.-polit. […] wurde? Klar folgt aus dem Vorhergehenden nur soviel:
    • a) daß ich einen eingeborenen Drang und Trieb zur Politik habe ([…] zum Ideal und l’art pour l’art)
    • b) daß nur die Arbeiterschaft als Klasse diesen befriedigen kann (trotz meiner aristokratischen Neigungen)
    • c) daß ich mich nie an eine Partei binden könnte (trotz klarer Einsicht der Notwendigkeit der Partei)
    • d) daß das Problem des Verhältnisses zwischen Tendenz zur Norm u. Geschichte in der Kunst ebenso in seiner Gesamtheit bestehen bleibt, wie das Problem des Geistes […]

Folio 20

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Nürnberg, Germanisches Nationalmuseum, Deutsches Kunstarchiv, NL Raphael, Max, I,B-13 (0020)
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Folio 21

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Nürnberg, Germanisches Nationalmuseum, Deutsches Kunstarchiv, NL Raphael, Max, I,B-13 (0021)
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Folio 22

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Folio 23

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Folio 24

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Folio 25 Recto

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Folio 25 Verso

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Nürnberg, Germanisches Nationalmuseum, Deutsches Kunstarchiv, NL Raphael, Max, I,B-13 (0025b)
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FIN